Rias-Bericht: Neuer Höchststand bei antisemitischen Vorfällen in Thüringen
Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Thüringen hat einen neuen Höchststand erreicht. Insgesamt 418 Fälle wurden im vergangenen Jahr erfasst, wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Thüringen am Mittwoch in Erfurt mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Anstieg von rund 6,6 Prozent. Von den 418 Fällen insgesamt fielen 350 in die Kategorie verletzendes Verhalten wie antisemitische Beleidigungen.
45 Fälle wurden als gezielte Sachbeschädigungen gewertet, zehn als Bedrohungen, neun als Massenzuschriften und vier als Angriffe. Unter den erfassten Fällen ist der Angriff auf einen Juden in einer Straßenbahn im September 2025 in Erfurt. Das Opfer wurde verletzt, ein Davidstern ging verloren.
Am häufigsten wurde mit 244 Vorfällen israelbezogener Antisemitismus beobachtet. Der bisherige Höchststand hatte in diesem Bereich bei 197 Fällen gelegen. Vorfälle mit einem antiisraelischen Aktivismus als Hintergrund stiegen besonders stark. Der Bericht widmet Jena ein Schwerpunktkapitel als Zentrum des antiisraelischen Aktivismus und des israelbezogenen Antisemitismus in Thüringen.
Bei allen politisch-weltanschaulichen Hintergründen wuchs der Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund besonders stark. 2025 wurden 103 Vorfälle verzeichnet. Beim sogenannten Post-Shoah-Antisemitismus hatten 71 Prozent aller politisch-weltanschaulich zuordenbaren Fälle einen rechtsextremen Hintergrund.
Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund sei nicht auf einzelne Szenen oder geschlossene Milieus begrenzt. Er trete in unterschiedlichen gesellschaftlichen Räumen auf und sei eine wachsende Herausforderung für die demokratische Kultur, hieß es im Bericht. Dieser beschäftigt sich zudem unter anderem mit Antisemitismus an Gedenkorten und dem Umgang mit der deutschen Geschichte.
"Antisemitische Vorfälle wirken weit über den Moment ihres Geschehens hinaus", erklärte der Projektleiter von Rias Thüringen, Timo Galki. Sie beeinträchtigten das Sicherheitsgefühl der Betroffenen und könnten ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben massiv einschränken. Die Hemmungslosigkeit, mit der antisemitische Positionen öffentlich vertreten würden, sei "besorgniserregend".
Rias Thüringen habe im vergangenen Jahr 31 antisemitische Vorfälle an Hochschulen registriert, erklärte der Beauftragte der Landesregierung für jüdisches Leben in Thüringen, Michael Panse. "Gerade Hochschulen müssen Orte des offenen Austauschs, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und des freien Denkens sein", fügte er hinzu. Wissenschafts- und Meinungsfreiheit seien keine Freibriefe für Antisemitismus.
K.Lang--MP